Hohle Phrasen & Blubberblasen

Auf Worte sollten Taten folgen

vorab: es gleicht einem beidhändigen topfschlagen im minenfeld, wenn man als aussenstehender seine sicht auf manche dinge in worte smilie_skepsisfassen will.
und? 
eben!
 

ein fast noch aktuelles beispiel: wer den worten einer frau Kraft lauscht, kann dem gefühl einer tiefen ergriffenheit manchmal nur schwer aus dem weg gehen. wer auch immer ihre reden schreibt, er versteht sein handwerk, weiss wie man gänsehaut macht. allerdings, der das umsetzen soll wohl nicht so?

erster Jahrestag / foto: parcelpanic

24.07.2011 / foto: parcelpanic

wenn man etwa an ihre rede zum Gottesdienst der Loveparadeopfer in der Salvatorkirche denkt:

[…] „Wie konnte das geschehen? Wer trägt die Schuld, wer ist Verantwortlich? Diese Fragen werden und müssen eine Antwort finden!“ […] [1]

ich kann mich an die entenpelle erinnern. um so mehr empörten mich die worte eines umstehenden, ein Sauerland, Rabe oder Schaller würden weder an dem einen noch am anderen zu tragen haben. aber dem anschein nach werden die fragen ihre antworten wohl doch alleine finden müssen. auf die Politik oder Justiz dürfen sie wohl kaum noch zählen – rund 1.205 tage nach der katastrophe?

wenn also eine frau Kraft sich vergangenen Sonntag zur Feier des Babaratages bei HKM scheinbar für bestimmte menschen stark gemacht hat, sollten die sich nicht viel mehr davon versprechen, als die paar warmen worte. wie diese z.b.:

[…] „Doch viel zu viele Menschen klopfen an fremde Herbergen und werden abgewiesen. Kein Platz in der Herberge – wie es auch viele Menschen in Duisburg zu spüren bekommen.“ […] [2]

oh-hau-ha … da springt einen wieder das bild von dem paarhufer auf dünnem eis an! hier hätte dem schreiberling und Mutter NRW schon auffallen können: wenn man mit dem zeigefinger auf andere deutet, könnten drei eigene finger in die eigene richtung zeigen. türsteher am stadttor macht schliesslich nicht der steuermichel? und wer spielt dann die rolle des Herodes, um in der kulisse zu bleiben – nicht etwa einer von denen, die die herbergen haben so voll laufen werden lassen?

Alter Milchhof - Meiderich / foto: parcelpanic

Alter Milchhof – Meiderich (2011) / foto: parcelpanic

vielleicht sollte sie diese warmen worte mal dem ziehsohn ans herz legen, der in unserem kleinen PsychoTop den parteisoldaten stellenfüller Stadthalter (aka OB) macht. wenn einer in der herberge für ein erträglichere anzahl und ein geordnetes umfeld derer sorgen kann, die vor ganz ähnlichen verhältnissen auf und davon sind, dann der?

aber der ball ist geschickt weitergereicht und angenommen worden. die RP zitiert eine besucherin:

[…] „Sie hat nicht versucht, die Situation zu entschärfen, sie hat an unser Gewissen appelliert und uns vor Augen geführt, wie gut es uns geht. Wir müssen Gott dankbar sein.“ […] [2]

das „Hallo Julia!“  halleluja(h) bleibt einem da schon weg, an seine stelle tritt die frage „Wofür“. das es uns trotzdem noch (zu) gut geht? wem uns? und trotz was?

um die dankbarkeit der bewohner des zonenrandgebiet zu Düsseldorf begreifen zu wollen muss man als nicht-einheimischer wissen: HKM und sicher ein grossteil der ansässigen besucher zählen zum südlichsten zipfel der stadt, man ist weitab vom epizentrum der verhunzten zuwanderungspolitik und hat ganz andere probleme. nachdem über dekaden die südlichen stadtteile eher der schwerindustrie und der dazugehörigen arbeiterschicht überlassen wurde, wird nun die nähe zu Düsseldorf entdeckt und fleissig z.b. im Angerbogen gebaut. schon in den 1970ern hatte man dort pläne für eine 20.000 menschen fassende trabantenstadt (bettenburgen) und zimmerte vorsorglich eine geisterbahnhof „Angerbogen“ an der strecke der U79 zurecht, der bis heute erhalten ist – 2014 könnte er sein 40-jähriges ohne betrieb feiern!

steel wheel / foto: parcelpanic

Sondermüll trifft Kunst (Kunst oben!) / foto: parcelpanic

herzlichen glückwunsch? daran ändert die derzeitige ansiedlungswelle wenig. die heute dort ihre architektenbunker bauen lassen, werden wohl kaum den schicken firmenwagen stehen lassen und die bahn nehmen. und zum rückbau fehlt ebenso das geld…

aber zurück zu Mutter Hannelore. vielleicht haben ihre worte ja zumindest für ein umdenken bei den oberen paar hundert anregen können, die so geläutert nun ins grübeln kommen könnten statt der polnischen „around the clock altenpflegerin“ für eine handvoll €uro, kost und logie, nun doch für einen appel, nen ei und eine herberge vielleicht anderswo not lindern zu helfen? fast schon eine win-win-situation, so gesehen eine art nächstenliebe …

allem zum trotz: ich möchte weiter an die worte glauben, die sie in ihrer ergreifenden rede gebraucht hat, mit denen sie sich und uns alle in die verantwortung genommen hat:

[…] „Der Vater eines der Opfer hat mir eine Bitte mitgegeben, die sich an uns alle richtet. Der grausame Tod seiner Tochter könne im Nachhinein noch einen Sinn bekommen, wenn dieser Tod uns mahnt, unser aller Wertesystem zu überdenken. Der Mensch, sein Wohlergehen und seine Sicherheit müssen wieder wichtigste Leitlinie unseres Handelns sein, vor allen anderen Motiven. Das wird uns Verpflichtung sein.“ […] [1]

nur: wann endlich?

light my fire / foto: parcelpanic

Stahlkocher auf Nachtschicht / foto: parcelpanic

p.s.: wer zumindest die kurzform der „Hagiographische Überlieferung“ zur Barbara von Nikomedien gelesen hat, könnte eine ahnung um das bekommen, was das martyrium der Barbara ausgemacht hat. und sich die frage stellen, ob das engagement von Kraft in dem fall z.b. für menschen in Guantanamo nicht der sache um die gute schutzpatronin näher gekommen wäre?

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[1] nrw.de: Ansprache MP Kraft Gedenkfeier – 31.07.2010
[2] RP-Online: „Ein Plädoyer für die Abgewiesenen“ – 10.12.2013

Über parcelpanic

"life is a journey – not a destination"
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