So hat jeder sein Päckchen zu tragen

Dienstleistungswüste Deutschland?

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on the run / foto: parcelpanic

es ist schon eine komische welt geworden, in der wir leben. und es wird nicht einfacher, sich darin zurecht finden zu wollen. so könnte man auch annehmen, mit der rasanten verbreitung des www müsste eigentlich auch ein breites spektrum an allgemeinbildung einhergehen (Sie werden hier schon mal eines besseren belehrt, wenn Ihr herz etwa an rechtschreibung hängt), dieser trugschluss wird täglich widerlegt. vieles, von dem wir gestern noch glaubten, es sei eine gelungene errungenschaft der neuen zeit, entpuppt sich morgen vielleicht schon als eine neue geissel. nicht weniges scheint kaum mehr als schimmer und fassade, dahinter versteckt sich zuweilen auch das gegenteil des vermeintlich benannten, „der Wille des Wählers“ beispielsweise. oder „Dienstleistung“…

ein schönes beispiel liefern hier die Paketdienste. seit mitte der 1970 die ersten speditionen diesen speziellen zweig des speditionsgewerbes für sich entdeckten und mit allerlei globalplayertaschenspielertricks kontinuierlich ihren anteil am kuchen vergrösserten, hat man zwar die preise auf kosten der nachgeschalteten subunternehmer immer weiter unterboten, jedoch versäumt mit den rasanten veränderungen schritt halten zu wollen.

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DieWelt:

Onlinebesteller sollen sich Pakete selbst abholen

Die Paketdienste GLS und DPD schränken ihren Service ein. Anstatt die Ware bis zur Haustür zu bringen, sollen sich Kunden die Pakete selbst in Shops abholen. Marktführer DHL geht einen anderen Weg.  
Von Birger Nicolai

Ein Starbucks-Café an einer belebten Kreuzung in Berlin morgens um neun Uhr: Calvin, Dorothea und Ole bestellen sich ihren Latte macchiato mit Sojamilch. Draußen parkt ein weißer Paketlaster in zweiter Reihe. Der Fahrer trägt Kartons in das Café, die drei Onlineshopper unterschreiben auf dem Handscanner, dass sie ihre neuen Schuhe und Pullover auch tatsächlich bekommen haben. […]

[…] Weil nichts für DPD, GLS, UPS, Hermes oder auch Marktführer DHL schlimmer und teurer ist, als umsonst an Haustüren zu klingeln, werden sie sich noch mehr einfallen lassen. Doch was sich im ersten Augenblick wie ein Zusatznutzen für den Kunden anhört, ist in Wirklichkeit eine Einschränkung des Service der Paketdienste. Sie wollen ihre Kosten drücken, und deshalb soll der Kunde künftig derjenige sein, der dem Paket entgegenkommt. […] [1]

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das sollte nicht unerwähnt bleiben: die meisten der grossen paketschiebervereine schieben einen grossteil ihres unternehmerischen risiko auf andere ab und arbeiten mit subunternehmern. diese bekommen ihre dienstleistung nicht nach tatsächlichen personalkosten, brennstoff oder fahrzeugkosten ersetzt, i.d.r. werden sie nach stückzahlen vergütet.

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Duisburg – Hüttenheim / foto: parcelpanic

nicht zu vergessen auch: Paketdienste lebte man lange und gut vom B2B (business to business). man holte pakete in werken ab, sortierte sie in verteilerpunkten nach empfangsdepots und konnte dort zu den geschäftszeiten die pakete loswerden. damit liess sich schnell, mit relativ geringem aufwand gutes geld verdienen. weil aber die augen immer grösser sind als der magen, glaubte man im B2C segment (business to customer) auch mitverdienen zu müssen. anders als bei die warenannahme einer firma xy sollte man aber an der haustür des unbedarfte privatempfänger keinen ständigen dienstbaren geist erwarten. dieser könnte zu solchen zeiten etwa an einer warenannahme seinen dienst versehen…

eine idee, wie weit an der realität die denke vorbeigeht, könnte uns ein zitat aus dem o.g. artikel geben. es stammt von Rico Back (GLS).

[…] „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Onlinebesteller müssen sich ihre Sendungen selbst abholen“ […] [1]

in einem hat der mann recht: das diese branche einen „Bewusstseinswandel“ bitter nötig hat. was hier nicht gut erkannt worden ist? an welcher stelle. die chance wäre gewesen: Rico Back ist der typ, der aus der skandalpose von Wallraff mitte 2012 noch eine imagefördernde kampange zu drehen versuchte [2] . sprechen Sie mal das fahrende personal an, wenn Sie interessiert, was aus den grossspurigen verprechern versprechen geworden ist… damit steht er allerdings nicht alleine, wenn den grossen worten nicht immer vollstes vertrauen geschenkt werden darf.

[…] „Wir müssen die Jobs attraktiver machen, und das geht nur über geringere Arbeitszeit und vernünftige Bezahlung“, sagt Schroven […] [1]

wahrheit

Aufkleber Paketauto / foto: parcelpanic

einsicht ist der erste und wichtigste schritt zur erkenntnis!“ mag man ihm zurufen wollen und ihn motivieren das erlernte auch umzusetzen. Arnold Schroven ist übrigens der vorturner des vereins, bei dem man im Depot Duisburg das beladepersonal unter denkwürdigsten vorraussetzungen in einen werksvertrag drängte, bei dem man die mitarbeiter dann mit löhnen weit unter den bis dato gezahlten verdiensten abspeiste (bis – 30%). hatte das in anderen gegenden für DPD vielleicht funktioniert, musste man hier unlängst zurückrudern. der „spass“, der ursprünglich mal ein paar zehntausende jährlich an personalkosten sparen sollte, dürfte einen hohen sechstelligen betrag verschlungen und einen imageschaden noch ungeahnten ausmasses verursacht haben. und dabei sind einige der skandalträchtigeren geschichtchen noch nicht einmal an die breite öffentlichkeit gelangt, denkt man an die nicht eben legalen videoüberwachungen, von der heute niemand mehr etwas wissen will oder den mordanschlag auf die tochter des geschassten personalers. der, dem sein geleakter emailverkehr zum stolperstein wurde. gelernt hat man daraus nichts, schaut man mal genauer hin. [3] es geht da auch um die, die eine zugespielte mail für sich nutzten…

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Natur schlägt zurück / foto: parcelpanic

aber zum eigentlichen thema zurück. Schroven mag glauben machen wollen, man verzichte auf Zalando als Kunden, der marge wegen. das würde man auch glauben wollen, wüsste man nicht (um nur ein beispiel zu nennen) von paketen, die von Holland kommend ins komplette bundesgebiet verteilt werden, zum nicht geringen teil sogenannte übergrössen mit einem gewicht von bis zu 31,5 kg – zu einem preis von unter 5 €. vielleicht zu zeiten ohne eigenes gewerbliches personal und fahrpersonal von subunternehmern das sich damit alleine abquält vielleicht noch ein „gutes geschäft“? man weiss es nicht…

und wieder die frage „ja und? was kann ich denn dagegen tun? ich finds ja auch nicht gut, wenn die für einen hungerlohn schuften.“ unter uns: ich halte eine solche aussagen für eine schutzbehauptung, wie „ich kann das nicht!“ weil „ich hab das nie gemacht!„. ohne es je probiert zu haben ist das wohl eher ein „ich will das nicht!„, oft weil es so einfacher ist. bei vielen solcher missstände bietet unsere staatsform die möglichkeit zum intervenieren. wer jetzt an Demokratie und Politik denkt, glaubt auch was in der zeitung steht, besonders der mit den vier buchstaben. gemeint ist die abstimmung über den €uro. niemand kann Sie zwingen, ihr geld dort zu lassen, wo etwa lohndumping entsteht oder gefördert wird. wenn Sie das tun, dann kann allerdingsauf dauer der schuss nach hinten losgehen, wenn der griff nach dem vermeindlich günstigen schnäppchen zum zug an der axt wird, die am eigenen ast der existenz sägt. was ist der vermeindliche eigene wohlstand wert, wenn an den folgen der verfehlten arbeitspolitik und dem humanen missmanagement der wirtschaft davon nichts bleibt? wer soll die renten derer zahlen, die mit heute oft nicht einmal 1.000€ netto selbst kaum noch dazu beitragen können? denen dann der bruchteil an rente ihrer bezüge zum überleben nicht reicht, an pflegefall dabei nicht einmal gedacht…

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Eltern haften an ihren Kindern / foto: parcelpanic

mag die idee hinter einer erfindung auch noch so „gut“ sein, es findet sich mit grösster wahrscheinlichkeit auch eine nutzungsmöglichkeit, die sie damit in frage stellt. das zum kommerzpropaganda spuckenden TV verkommene fernsehen als beispiel. schlimmer noch – irgendwer schaut die auswürfe schliesslich ja auch noch an. weil Sie den schrott sehen wollen wird das produziert, sagt das TV. weil Sie dauernd fleisch auf den tellern brauchen, degeneriert Tierhaltung zur seelenlosen industriellen fleischfabrik, sagen die nahrungshersteller. hier könnte es sich etwa wie mit dem als wählerwillen deklarierten politikgeschachere um pöstchen und scheinbare macht überschneiden: den dreck, der da produziert wird, muss auch jemand fressen.

und, es wird gefressen – kopp über die schüssel, augen nicht über den rand und das tun, was am einfachsten ist: nichts

in dem sinne: Mahlzeit!

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[1] Die Welt: „Onlinebesteller sollen sich Pakete selbst abholen“ – 10.11.2013
[2] Die Welt: „Günter Wallraff hat bei uns Positives bewegt“ – 06.06.2012
[3] Der Westen: „Zoff um Betriebsratswahl bei Paketdienst DPD“ – 25.07.2013
 

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Nachtrag:

„was interessiert mich mein geschwätz von gestern?“

verkehrsrundschau:

DPD startet in 19 Städten Sameday-Zustellung

Über parcelpanic

"life is a journey – not a destination"
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