Opfer ohne Täter?

„Die Welt des 21. Jahrhunderts wird nur dann ihre Stabilität bewahren können, wenn sie von der Stärke des Rechts und nicht vom Recht des Stärkeren bestimmt wird.“
Hans-Dietrich Genscher

Sie erinnern sich an die meldung von anfang der woche, es könne sein, es würde zu keinem prozess kommen? die meldung hat schon für etwas unruhe gesorgt. vielleicht nicht ganz unbeabsichtigt? wenn, es hat gefunzt. auch ich hatte erst einmal schnappatmung und wollte wütend werden. da hilft nur abstand nehmen und sich noch mal in ruhe nähern – oder so wie der geschätzte Dr. Werner Jurga das dann halt auf seine ruhige, kultivierte art vormacht. (kann man [HIER] nachlesen) so einfach, wie es da erklärt wird, habe sogar ich eine chance es zu verstehen!  (-;

GutScheines wird also zumindestens zu einem „prozess“ kommen – höchstwahrscheinlich. was noch in den sternen steht, ist ob es zu einer verurteilung kommt. was aber als sicher zu betrachten ist: keiner von denen, die ursächlich, massgeblich und mit entscheidungsbefugnis zum „gelingen“ der Loveparade beitrugen, wird sich seiner verantwortung stellen (müssen). die, die auf der bank sitzten, kaum mehr als ein Bauernopfer – alter stil?

so wie das mit dem Neuanfang gelaufen ist, so ähnlich stelle ich mir die Urteilsfindung vor – nur ohne den Arbeiterhelden Steegmann? unter uns Nonnenschwestern: es hat etwas von Alexander Hold und Babara Salesch, noch bevor es angefangen hat.

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Treppe Februar 2012 / foto: parcelpanic

und um es auf die spitze zu treiben: DER prozess ist nicht, was mit aufarbeitung gemeint ist. diese nötige aufarbeitung für einen bereits verkauften neuanfang scheint strafrechtlich aussichtslos, zivilrechtlich nicht einschätzbar. und von politischer aufarbeitung ist man soweit entfernt, wie vom die welt vom frieden. eher wird verstanden werden, es löse das problem nicht, in dem man es auslagert oder aussitzt? … naja…. doch, temporär.

es ist beschämend und ein armutszeugnis unseres rechtssystems, wenn fast drei jahre nach der (vermutlich vermeidbaren) katastrophe noch immer nicht einmal dieser strafrechtliche teil zur prozessreife gefunden hat. wer erwartet da noch, wahre antworten in so einem prozess zu finden? 1034 tage danach hat noch niemand die politische verantwortung benannt, geschweige denn übernommen! aber so, wie der Wählerauftrag zum Kandidaten des OB umgesetzt wurde, sollte man sich auch dort an realistischen erwartungen üben.

was wirklich hoffnungslosigkeit den weg ebbnet, ist u.a. die tatsache DuisBürger nicht aus der lethargie wecken zu können. sie zu mehr als einem *like* bei FB zu bewegen, ihnen ungereimte zusammenhänge klar zu machen. der leidensdruck scheint nicht hoch genug, sie für ihr recht auf die strasse zu bewegen. wenn auch immer wieder einige versuchen die lösung der probleme im verfolgen sozial schwächerer zu finden, es hat eine menge gute „baisBürgerliche“ ansätze gegeben, dieses ereignis als einen wendepunkt zu verstehen –  gesellschaftlichspolitisch. zu verstehen, der eingeschlagene weg führe zu nichts gutem und zu sinnen, wie man solches zukünftig verhindert. hätte, wollte, könnte, … Duisburg ist da nur ein kleines licht in der politischen leuchtenlandschaft?

wenn Duisburg an irgend etwas reich ist, dann an vertanen chancen. der blick auf die smilie_Duisburg_kann_allesentstehende ständige Gedenkstätte, wird sie ein weiterer stein in diesem mosaik sein? neben der vermurksten aufarbeitung und dem neuanfang wird das derzeit im aufbau befindliche Baukörper seinen platz in den „gut gemeinten“, aber wenig angenommenen, kompromissähnlichen orten einnehmen, die fremdbestimmt scheinend initiert sind. mit schrecken steht man in der baustelle, die erahnen lässt, wie die dimensionen in natura wirken – es übertrifft die erwartungen, die enge ist bedrückend. die gesperrte Karl Lehr Str., die bisher zu solchen gelegenheiten ruhe brachte, wirkt gespenstisch – kein gedanke an schnappschüsse…

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Geschichte / foto: parcelpanic

es sind noch etwa 62 tage, bis sich die tragödie des 24.07.2010 zum dritten mal jährt. aus der baustelle wird bis dahin das werden, was als kompromiss auf dem papier einzug gehalten hat, sollte man glauben, wenn man sich ein wenig mit Kurt Krieger beschäftigt hat. die stadt geht zumindest davon aus, die sperrung der Karl Lehr Str. mit beendigung der bauarbeiten am 21.07.2013 aufheben zu können steht [HIER] zumindest. (wie sinninig, drei tage vorm Jahrestag…)

mit der übergabe (?) endet endgültig die ära „provisorische“ Gedenkstätte, eine neue beginnt. mit ihr werden die wunden des werdens dieser stätte vernarben und die teils mehr als unwürdigen begebenheiten den weg des vergessens antreten. und mit ihnen die namen derer, die auf die eine oder andere art ihr zutun für unablässig hielten? wie irgendwelche steine, die irgendwo im nirgendwo im süden Duisburgs für erhitzte gemüter sorgen (und die blöde idee zum Adolf Sauerland Weg) und von kaum mehr als ein paar dutzend leutchen genutzt wird, werden auch dann wieder die fähnchenschwinger für ein fremdschämen sorgen, wenn sie sich den „erfolg“ auf ihren banner schmieren…

was (vorerst) bleibt, ist nicht nur die Gedenkstätte, wie sie sein wird und was aus ihr werden wird. auch wenn es traurig macht zu sehen, was er werden wird, wenn man den ort begleitet hat, zumindest bleibt etwas.

Karl Lehr Str. - 24.07.2011 / foto: parcelpanic

Karl Lehr Str. – 24.07.2011 / foto: parcelpanic

anders bei „altlasten“. neben dem jüngsten gab es im weiteren bereich der rampe bereits in den kriegswirren einen tragischen fall, dem sicher auch eine gewissen beachtung zu schulden wäre. dabei wurden etliche menschen in der als schutzeinrichtung genutzten unterführung durch verirrte fliegerbombe getötet. zynisches detail: über der mauer gegenüber der Rampe war eine Flak (Fliegerabwehrkanone) montiert. die war wohl gemeint und wurde später ebenfalls getroffen, wie der bruder des damals kaum 19-jährigen Flakschützen am vorabend des zweiten jahrestages fast beiläufig in erinnerungen versunken erzählte. dazu kommt der horror eines Deportationsbahnhofs, der Duisburg zweifelsohne war. dafür war wohl kein platz… schrecklich?

und was ist die bestürzende gewissheit von Angehörigen und Betroffenen dort zum dritten mal ihrer Nächsten zu gedenken, mit ebensowenig antworten wie in den tagen direkt nach der Loveparade 2010? auch wenn wir dank engagierter menschen wie z.b. pizzamanne, Lothar Evers und unbeugsamen presseorganen wie xtranews heute zu glauben wissen, wer dieses himmelfahrtskommandoevent eines profitorientierten wanderzirkus hätte verhindern können,na?

und das hat zu was geführteben.

in dem sinne!

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p.s.: so, wie es sich derzeit darstellt, scheint das am 24.07.2010 eine neue art von naturereignis gewesen zu sein, an dem niemand „die schuld trifft“, wie ein Tornado etwa… und vor gericht stellt man die wetterfrösche?

 

Über parcelpanic

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2 Antworten zu Opfer ohne Täter?

  1. Werner Jurga schreibt:

    Der im ersten Absatz verlinkte Aufsatz stammt nicht von mir mit meiner „ruhigen, kultivierten Art“, sondern von Rechtsanwalt Dirk Heckmann. Ich selbst hatte mich zuvor, wenn auch freilich nicht ganz so sachkundig, mit diesem Beitrag gemeldet:
    http://www.xtranews.de/2013/05/21/loveparade-ohne-anklage-im-grunde-unvorstellbar/

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